Traumata: Was Kita-Fachkräfte wissen sollten

kleiner Junge versteckt sich im Schrank und schreit, die Hände auf den Ohren und die Augen zugekniffen

1. August 2017 / Comments (0)

Allgemein News

Menschen erleben Situationen, die Gefühle von Todesangst, Ohnmacht und Schutzlosigkeit mit sich bringen in der Regel als traumatisch. Oft leiden sie anschließend unter Traumafolgen und zeigen Verhaltensweisen, die für Außenstehende kaum nachvollziehbar sind. Wer etwas über Traumata weiß, kann besser damit umgehen.

Unter einem Trauma verstehen Fachleute aus der Psychologie eine gravierende seelische Verletzung. Sie wird durch ein Ereignis ausgelöst, das die betroffene Person in extremen Stress versetzt und das sie als existenzbedrohend wahrnimmt. Sie fühlt sich dieser Situation hilflos ausgeliefert. Ein solches Erlebnis erschüttert in der Regel das Selbst- und Weltverständnis und hat lang anhaltende Folgen. In manchen Fällen können sich die Betroffenen später nicht mehr an das Ereignis erinnern – ein Schutzmechanismus, der sie jedoch nicht davor bewahrt, unter den Auswirkungen des Traumas zu leiden.

Leben im Alarmzustand

Auch junge Kinder können von Traumata betroffen sein. Die Folgen zeigen sich auch in der Kita. „Traumatisierte Kinder befinden sich in einem Dauer-Alarmzustand. Sie stehen immer unter Strom, können schlecht schlafen, sind leicht reizbar und nehmen sich selbst, ihren Körper und ihre Gefühle nur unzureichend wahr“, erklärt der Diplom Psychologe und Traumatherapeut Werner Raible, der beim VFUKS-Mitglied Weraheim tätig ist. „Das in der traumatischen Situation Erlebte, prägt ihren Alltag.“

Unkontrollierte Affektausbrüche

Kinder, die unter Traumafolgen leiden, fallen in der Kita teilweise durch unkontrollierte Affektausbrüche auf. Sie dafür zu maßregeln, kann die Situation für sie verschlimmern. Denn in Momenten, in denen äußere Auslöser sie in die traumatische Situation zurückversetzen (Flash-Back), verlieren sie jedes Zeitgefühl und sind im wahrsten Sinne des Wortes „außer sich“. Diese Reaktion ist auch für sie selbst beängstigend. „In der Traumatherapie arbeiten wir daher daran, die traumatischen Erlebnisse aus der Vergangenheit von der Gegenwart zu entkoppeln. Die Betroffenen lernen: Das Angstgefühl war früher. Es gehört nicht zur aktuellen Situation“, sagt Werner Raible.

Völliger Rückzug

Die Reaktionen auf ein Trauma, seien jedoch sehr individuell, gibt der Experte zu bedenken: „Manche Kinder ziehen sich völlig zurück. Sie versuchen quasi, unsichtbar zu werden.“ Dieses Verhalten „lernen“ Kinder häufig, wenn sie in desolaten Familien aufwachsen, in denen sie vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht werden.

Monotrauma oder Entwicklungstrauma?

Die Hamburger Diplompsychologin und Traumatherapeutin Elke Garbe erklärte während eines Vortrags beim VPK – Bundesverband privater Träger der freien Kinder-, Jugend- und Sozialhilfe im Juni 2016 den Unterschied zwischen einem Monotrauma, also den Folgen einer einzelnen traumatischen Situation, und einer Entwicklungs- oder Bindungstraumatisierung. Betroffen seien Kinder in dysfunktionalen Familien, die dort fortlaufend mit einem traumatisierenden Alltag lebten. Die Bindungspersonen, die ihnen eigentlich Sicherheit bieten sollten, sind gleichzeitig diejenigen, die sie traumatisieren – ein unlösbarer Konflikt für die Kinder, denen so jegliche Chance genommen ist, Schutz zu finden.

Kita bietet Sicherheit

Die Kita kann, indem sie einen sicheren, regelhaften äußeren Rahmen bietet und verlässliche Beziehung ermöglicht, dazu beitragen, dass Kinder nach einer traumatischen Erfahrung mit der Zeit wieder ein inneres Sicherheitsgefühl entwickeln. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Kinder nicht aktuell weiter traumatisierenden Lebensumständen ausgesetzt sind.

Gefühlen eine Sprache geben

Hilfreich ist es, mit den Kindern in den Dialog zu gehen – wenn nicht über die traumatische Erfahrung selbst, dann über deren Folgen. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass zu oft geschwiegen wird. In anderen Kulturen ist das noch ausgeprägter als hierzulande. Oft können Betroffene zwar über die traumatische Erfahrung selbst nicht sprechen, weil sie dazu noch nicht bereit sind, und sie sich schützen müssen. Dann ist es aber sinnvoll, über die aktuellen Symptome, die Angst, die Schlaflosigkeit etc., zu reden. Im Gespräch lassen sich Dinge neu einordnen und in einen anderen Zusammenhang stellen. So können die Betroffenen besser mit der Situation umgehen“, erklärt Werner Raible.

Susanne Beucher und Andreas Guhl schreiben in einem Beitrag in der Zeitschrift KiTa aktuell (Ausgabe Niedersachen, Heft 7-8/2017): „Oft wissen die Kinder selbst, was ihnen gut tun würde und was sie in kritischen Phasen benötigen, um sich zu fangen. Doch dazu müssen sie eine Sprache für ihre Gefühle und Bedürfnisse finden. Sie wissen jedoch selbst nicht, was mit ihnen passiert. Sie schämen sich oft dafür und fühlen sich schuldig. Daher schweigen sie. Es entsteht der Eindruck, sie wollten nicht über ihre Gefühle sprechen. Doch dieser Eindruck täuscht. Die Jungen und Mädchen benötigen Ermutigung und Hilfe, um einen Weg aus der Sprachlosigkeit zu finden. Erklären Erzieherinnen bzw. Erzieher betroffenen Kindern, dass ihre Reaktion normal ist und dass es anderen Menschen, die etwas Schlimmes erlebt haben, ganz genauso geht, kann das sehr entlastend sein.“

Was tun bei Verdacht?

„Erzieherinnen und Erzieher, die den Verdacht haben, ein Kind könnte traumatisierenden Lebensumständen ausgesetzt sein oder unter Traumafolgen leiden, sollten sich zunächst mit einem Kollegen oder einer Kollegin beraten“, sagt Werner Raible. Wenn beide die Situation ähnlich einschätzen, sei es ratsam, eine Fachperson hinzuzuziehen. Auf der fundierten Grundlage ihrer Expertise ließe sich anschließend das weitere Vorgehen abstimmen.

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