Was bedeutet Bildung in Zeiten der Digitalisierung?

Porträt Roger Spindler

5. September 2017 / Comments (0)

Allgemein News

Roger Spindler wird am 26. September beim Zukunftskongress für Bildung und Betreuung „Invest in Future“ in Stuttgart den Eröffnungsvortrag halten. Das zweitägige Fachsymposium beschäftigt sich unter dem Motto „Gesellschaft 4.0 – Auswirkugen auf die Kita-Welt“ mit gesellschaftlichen Veränderungen und einer Pädagogik, die ihnen gerecht wird. Redner Roger Spindler ist Leiter Höhere Berufsbildung und Weiterbildung an der Schule für Gestaltung Bern und Biel sowie Referent für das Zukunftsinstitut in Frankfurt am Main. Er fordert, Bildung in einer digitalisierten Gesellschaft neu zu denken. Im Interview erläutert er, was er damit meint.

Herr Spindler, wie sieht Ihre Gesellschaftsdiagnose aus? Welche großen Trends werden die nahe Zukunft maßgeblich prägen?

Roger Spindler: Die Digitalisierung ist der große Treiber. Sie ist auch für den Bildungsbereich von zentraler Bedeutung. Sie führt dazu, dass quasi allen immer mehr Wissen ständig zur Verfügung steht. Die Digitalisierung trägt außerdem dazu bei, dass unsere Gesellschaft zunehmend flexibler, mobiler und schneller wird. Das hat Auswirkungen auf Familien: Familiensysteme werden individueller und damit vielfältiger. Auch räumlich bedeutet Familie sein nicht mehr automatisch, dass alle ständig in einem Haushalt oder an einem Ort wohnen.

Eine Herausforderung für das Bildungssystem, oder?

Roger Spindler: Ja, denn die gesellschaftlichen Veränderungen stellen Grundüberzeugungen des Bildungssystems in Frage. Bislang galt: Bildung bedeutet, eine Institution zu besuchen und dort Wissen zu erwerben. Und: Lehrkräfte wissen mehr als die Kinder und geben ihr Wissen weiter. Ein solches stationäres Wissensvermittlungssystem erscheint jedoch zu Recht fragwürdig. Wir brauchen neue Modelle, angesichts der Fülle verfügbaren Wissens und angesichts der Schnelligkeit, mit der neues Wissen dazukommt und altes überholt ist. Die nachfolgende Generation benötigt stattdessen Kompetenzen, die bislang weitgehend unbeachtet bleiben. Zum Beispiel sollten wir Kinder in die Lage versetzen, Information auszuwählen, zu überprüfen, zu bewerten, sie kreativ zu vernetzen und für ihr Handeln fruchtbar zu machen.

Kompetenzen statt Wissen erwerben? Wie funktioniert das am besten?

Roger Spindler: Jetzt schütten Sie das Kind mit dem Bade aus. Wissen zu erwerben, ist natürlich nach wie vor wichtig. Wenn Sie Spaghetti mit Tomatensoße kochen wollen, müssen Sie grundlegende Dinge über das Kochen wissen. Und im Lebensverlauf fortlaufend neues Wissen zu integrieren, gelingt nur, wenn bereits eine Basis vorhanden ist. Dennoch halte ich die klassischen vorgegebene Bildungspläne für ungeeignet. Wir müssen nämlich die Gewichtung zwischen Wissens- und Kompetenzerwerb neu justieren. Kinder brauchen mehr Freiraum, um zu experimentieren, Dinge zu erproben, Sachen zu bauen und die Natur mit allen Sinnen zu erkunden. Sie benötigen Erlebnisräume, die sie sich eigenständig aneignen können. Sie probieren Dinge aus, scheitern, probieren wieder, probieren anders und entwickeln so Lösungskompetenzen. Kreativität, Virtualität, Flexibilität: Das sind für mich die Schlagworte, die die Lernorte der Zukunft auszeichnen sollten. Wenn Sie das weiterdenken, merken Sie, dass dadurch das informelle Lernen in der „Freizeit“ und in alltäglichen, praktischen Zusammenhängen an Bedeutung gewinnt. Auch Modelle aus der Industrie ließen sich problemlos in die Schulzimmer übertragen. Ich denke da z.B. an Design Thinking, eine neue, interdisziplinäre Kreativmethode, um Probleme zu lösen und neue Ideen zu entwickeln.

Was bedeutet diese Veränderung des Bildungsverständnisses für den Alltag von Eltern und pädagogischen Fachkräften?

Roger Spindler: Unser Bildungssystem passt augenscheinlich nicht mehr in die Zeit. Es befindet sich im Umbruch. Das schafft Unsicherheiten, die oft in Aktionismus münden: in klassischer Musik für Ungeborene oder Chinesischkursen für Vorschulkinder. Ich wünsche mir stattdessen mehr Gelassenheit bei Eltern und Fachkräften. Wir können unseren Kindern und ihren Selbstlernprozessen vertrauen. Unsere Gesellschaft wandelt sich so schnell, dass die Mehrzahl der Jungen und Mädchen in Zukunft Berufe ausüben wird, die heute noch gar nicht erfunden sind. Wenn sie in ihrer Kindheit ausreichend Zeit und Raum hatten, um ihre Fantasie und Kreativität zu entfalten, und wenn wir ihnen Werte vermittelt haben, die ihnen Sicherheit und Orientierung geben, dann sind sie dafür gut gerüstet.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch, Herr Spindler.

Weitere Informationen zu „Invest in Future“…

…das komplette Programm sowie die Möglichkeit für eine Online-Anmeldung finden Interessierte unter: www.invest-in-future.de. Für Fragen steht Projektkoordinatorin Nicole Lessig unter Telefon 0711-656960-35 zur Verfügung.

Links:

Foto: Roger Spindler